"Seine Kunst hat nichts von der plastischen Strenge Schadows,
nichts von Krügers unendlich begabten Professionalismus, nichts von Menzels
Pflichtfanatismus. Seine Kunst tut, was in Berlin die Kunst fast nie getan
hat: sie blüht. Sein Realismus ist nicht charaktervoller Überzeugung,
sondern ein schöner Instinkt; er wirkt nicht östlich kolonial (obwohl
er aus Cottbus stammt), nicht märkisch frugal, nicht kleinbürgerlich und
selbstgerecht: unter den Männern der Prosa ist er ein beschwingter Lyriker,
ein Dichter... Seine Kunst ist in ihren besten Teilen wie ein holdes Wunder..."
Karl Scheffler in: Geschichte der europäischen Malerei vom Klassizismus
bis zum Impressionismus, Berlin 1917
Obwohl Carl Blechen nach dem Wunsch seiner Eltern Bankkaufmann
geworden war und diesen Beruf auch einige Jahre ausübte, war er der geborene
Maler. Er schuf mit seiner Genialität im kühnen Entdecken und seinem leidenschaftlichen
Temperament mit einem gewissen Hang zum Abgründigen ein malerisches, vielzähliges
und vielfältiges Lebenswerk.
Trotz seiner realistischen, ja sogar "protoimpressionistischen" Tendenzen,
die auf seinem ungezwungenen Umgang mit der Farbe beruhen, offenbart sich
bei Carl Blechen ein tiefes romantisches Weltbild. Sein künstlerisches
Schaffen ist geprägt von einer absoluten Hingabe an die Natur. Er selbst
war überzeugt, "Gottes Natur erkannt und empfunden" zu haben. Carl Blechen
ist neben Casper David Friedrich der bedeutendste Landschaftsmaler in
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Seit nunmehr 85 Jahren hat es sich die Stadt Cottbus zur Aufgabe gemacht,
dem 1798 hier geborenen Maler und späteren Professor an der Berliner Akademie
der Künste, mit einer Sammlung seinem Werk ein Denkmal zu setzen. 1942
umfasste diese bereits 67 Gemälde, Studien und Zeichnungen und war nach
Berlin die zweitgrößte Blechen-Sammlung. Wie viele andere Museen und Sammlungen
hat auch die Cottbuser während des Krieges erhebliche Verluste erfahren.
Nach wechselvoller Geschichte ist Schloss Branitz seit einem halben Jahrhundert
die Heimstätte für diesen wertvollen Kunstbesitz der Stadt. Konnten bis
1990 die drei kleineren Salons im Erdgeschoss als Ausstellungsräume genutzt
werden, bot sich nach dem Auszug der sorbischen, stadtgeschichtlichen
und archäologischen Museumsabteilung die Möglichkeit, die gesamte Ostseite
im Obergeschoss für die Kunstsammlung zu nutzen. Nach siebenjähriger Bau-
und Restaurierungstätigkeit präsentiert sich heute die Sammlung im erweiterten
Umfang und erstmals im Kontext zu den Werken der Künstlerkollegen Blechens,
wie sie von Anfang an zum Sammlungskonzept gehörten und Ausgangspunkt
für die heutigen Schwerpunkte sind.
In den vergangenen fünf Jahren konnte der Bestand durch zehn Erwerbungen
erweitert werden. Darunter das temperamentvoll gemalte Holztafelbild "Waldlichtung
mit kleinem Weiher und liegendem Hirten" von Carl Blechen. Außerdem kamen
acht Graphiken neu in die Sammlung, beispielsweise die landschaftlichen
Szenen aus der Umgebung von Eberswalde und Freienwalde. Weiterhin zwei
Lithographien nach Blechens berühmten Gemälden "Das Palmenhaus auf der
Pfaueninsel" und "Zwei Mönche im Park von Terni". Daneben gelang der Ankauf
zweier Gemälde von Künstlern aus dem Umkreis Blechens: "Landschaft mit
Torruine" von seinem Schüler Friedrich Elsasser und "Märkische Waldlandschaft"
von August Wilhelm Schirmer, Nachfolger Blechens als Professor für Landschaftsmalerei
an der Akademie der Künste in Berlin.
In der wiedereröffneten Ausstellung ist nun, entsprechend den räumlichen
Gegebenheiten des Branitzer Schlosses, mit 31 Gemälden und Olskizzen und
14 Graphiken ein repräsentativer Überblick über die künstlerische Tätigkeit
Carl Blechens zu sehen. Ziel der Exposition ist es, einer breiten Öffentlichkeit
das Werk dieses herausragenden Malers näher zubringen. Anhand der Cottbuser
Sammlung können dem Besucher die künstlerische Entwicklung und die Vielfalt
seines Schaffens als Landschaftsmaler vermittelt werden. Vor allem die
Olskizzen, in denen Blechen direkt seine Naturbeobachtung in Malerei umsetzte,
sind für die Entwicklungsgeschichte der Kunst bis in unser Jahrhundert
von kaum schätzbarer Bedeutung. Erstaunlich bei Blechen ist immer wieder
seine Unbefangenheit und die individuelle Sicht der Dinge, seine malerische
Abstraktion. In den neuen Ausstellungsräumen entstanden, entsprechend
seinen drei Werkphasen als Maler, drei thematische Komplexe: Das Frühwerk
1823-1828 - Die Italienreise 1828-1829 - Das Spätwerk 1830-1838.
Der erste Abschnitt führt in die Zeit der künstlerischen Anfänge Blechens,
sein Suchen nach eigenen Ausdrucksmöglichkeiten, erste Reise 1823 nach
Dresden, die Begegnung mit den namhaften Künstlern Johan Clausen Dahl
und Caspar David Friedrich, seine Tätigkeit als Theatermaler, die Ostsee-Reise
1828 und im September der Aufbruch nach Italien. In der Cottbuser Sammlung
sind aus dieser Phase sechs Bilder vertreten, u.a. die Olskizze "Gebirgsschlucht
im Winter", einer bereits sehr ausgereiften Vorarbeit zu Blechens erster
vollendeter großformatigen Landschart gleichen Titels, die sich heute
in der Berliner Nationalgalerie befindet. Das Motiv des weitausladenden
knorrigen Baumes aus der Sächsischen Schweiz komponierte Blechen zu einer
dramatisch-effektvollen Winterlandschaft in monochromen Farbklang. Drei
Jahre später entstand der "Kreidefelsen auf Rügen". Wiederum eine Felslandschaft,
die jedoch im Vergleich zur Gebirgsschlucht den Eindruck unmittelbarer
Naturerfahrung erweckt. Blechen reduziert das Motiv nur auf die Felsblöcke
und Sandfläche und modelliert sie im natürlichen Licht. Dieses Gemälde
ist zugleich der Übergang zum anschließendem Raum, in dem 11 Ölbilder
ausgestellt sind, die während Blechens dreizehnmonatiger Italienreise
1828/29 entstanden sind. Fernab der alltäglichen Routine, erfuhr Blechen
in dem südlichen Land vielfältige Anregungen für seine Malerei. Fasziniert
von der sonnendurchfluteten Landschaft, sensibilisierte er seinen malerischen
Blick auf schlichte Motive. Das kleine Holztafelbild "Sorrent",1829 entstanden,
zeigt den Blick von einem mit Baumgruppen und Sträuchern bewachsenen Hügel
auf Sorrent und den Golf von Neapel. Durch die Variation der Lokalfarben
unter dem Einfluss von Licht und Atmosphäre sowie durch die Auflösung
fester Konturen, erreichte Blechen eine seltene malerische Dimension.
Im dritten Komplex vereinigt die Cottbuser Sammlung 14 Arbeiten zum Waldthema,
das im Spätwerk Blechens dominierend wurde. Zum Teil sind die Bilder auf
seinen Wanderungen durch die märkische Umgebung entstanden. In der Olskizze
"Waldrand bei anbrechendem Tag" greift Blechen auf das literarische Vorbild
der märkischen Sagen der Jungfer Lorenzen von Angermünde zurück. Das Gemälde
"Berggipfel im Harz" ist 1833 während seiner kurzen Harzreise entstanden.
Ein prägnantes Bild ist der "Klostervorhof mit Reihern". Diese geheimnisvoll
anmutende Komposition, effektvoll in den Farbkontrasten, geht ebenfalls
auf Studien während der Harzreise zurück. Zwischen dem zweiten und dritten
Ausstellungsraum ist ein Graphikkabinett eingeschlossen, in dem sechs
Lithographien von Blechen und sechs Stahlstiche und Lithographien nach
seinen Gemälden und Zeichnungen gezeigt werden. Die graphischen Blätter
nehmen im Gesamtwerk des Künstlers nur einen sehr geringen Teil ein. Dennoch
umspannt die Beschäftigung Blechens mit dem graphischen Medium seine gesamte
Schaffenszeit.
Einen zweiten Ausstellungsteil bilden die Werke von Künstlern aus dem
Umkreis Blechens, wie der in Dresden lebende Norweger Johan Clausen Dahl,
dessen Naturstudien mit zum Teil abstrakter Formensprache Blechen zum
Vorbild wurden oder Carl Steffeck und Carl Schulz, die gemeinsam mit Blechen
im Verein Berliner Künstler waren und gegenseitige Porträts anfertigten,
sowie die Blechen-Schüler Carl Krüger, Eduard Schmidt und Friedrich August
Elsasser, die ihrem Lehrer motivisch besonders nahe stehen.